Lange hab ich hin und her überlegt wie ich mit dieser Reihe anfangen soll, wen ich zuerst portraitiere, ob ich erstmal ein Vorwort schreibe und vor allem wie ich mit diesem speziellen Beitrag über eine bestimmte Dame umgehen soll. Die Dame, die ich meine, hat sich nämlich bereiterklärt ihre Gedanken und Erfahrungen beizusteuren, möchte aber anonym bleiben.
Wie aber mache ich ein Potrait über jemanden, der weder genannt noch erkannt werden möchte? Garnicht. Aber etwas anderes kann ich tun, nämlich ihr die Eröffnungsrede zu meiner Portraitreihe über Barfrauen überlassen. Also lest und staunt wenn Jane Doe aus dem Nähkästchen einer Barfrau plaudert….
Ich muss aus der Vergangenheit sprechen, da ich ja keine aktive
Bartenderin mehr bin. Als ich den Job rund zehn Jahre lang ausübte,
liebte ich ihn stets mehr, als ich ihn gleichzeitig hasste. Es gab
zwei Gesichter.
Das tolle am Bartending war, dass man in gesunder Distanz und dennoch
intensiv am Menschen arbeitet. Die Distanz bringt das “(Be)Dienen” mit
sich. Der Bartender erfüllt im Auftrag des Gastes dessen Wünsche, die
sich auf Getränke beziehen. Eine Art Oberflächlichkeit, die nicht viel
mit dem leiblichen Wohl zu tun hat, schon garnicht mit dem psychischen,
sondern mit Genuss.
Und dennoch kommt es oft vor, dass der Gast nicht nur ein Getränk
möchte, sondern in die Bar kommt, um Mensch zu sein, wahrgenommen zu
werden und sich auszutauschen. Da Bartender für ein Gespräch keinerlei
Hürden bieten und nicht “angequatscht” werden müssen, sondern von sich
aus die (zunächst getränkebezogene) Kommuniaktion eröffnen, hat der
Gast wenig Hemmungen, sich ihm gegenüber zu öffnen. Die gesunde
Distanz bleibt dabei (meist) erhalten. Der Gast weiß, dass er Gast ist
und einen “Bediensteten” vor sich hat, dessen Beruf es ist, sich auch
mal mit Gästen zu unterhalten. Es wird nicht privat, auch wenn die
Themen manchmal privat sind. Beide würden sich normalerweise nicht
andernorts privat treffen. Die Bar ist der Ort der Kommunikation, da
sie eine Art Schutz für beide bietet.
Die hat mir sehr gefallen und machte mir nach meinem Studium
die Entscheidung für die Gastronomie leicht. Die Therapie war mir viel
zu nah am Menschen, zu fordernd. Die Gastronomie bat ein angenehmes
Plateau der zwischenmenschlichen Kommunikation. Das schönste war,
wenn ich es schaffen konnte, dass ein schlecht gelaunter Gast am Ende
desAbends mit einem Lächeln aus der Bar ging. Das allein war die Mühen
wert, die der Job mit sich bringt.
Und da wir gerade beim Fordern sind: Ein großes Contra legten
diejenigen Gäste zu dem Job des Bartendings, die nur forderten und das
Personal herablassend als ihre Diener verstanden. Manche Menschen
nutzen die Chance, sich so aufzuplustern und tun, als wären sie
der, der sie gern sein würden. Sowas hat mich immer sehr genervt.
Besonders die Tatsache auch in solchen Sitationen stets freundlich
bleiben zu müssen und dem Gast nicht die Meinung aufs Brot schmieren
oder ihn des Hauses verweisen zu dürfen. Wir sind alle nur Menschen!
Aber das sehen manche Menschen anders.
Das Gefühl des Dieners an sich hat mich zum Teil auch belastet, wenn
ich Tage mit schlechter Laune oder Übermüdung wegen langer Nachtschichten
hatte. Es war oft so,
dass ich dachte, nur für andere zu arbeiten und ihnen alles recht zu
machen, ohne das jemand fragt, wie es mir geht. Das Gleichgewicht des
Gebens und Nehmens geriet bei dem Job oftmals aus dem Lot. Besonders
in Tagen, in denen zu wenig lächelnde Gäste aus der Bar gingen.
Die physische Anstrengung des Jobs, das schwere Heben und nächtliche
Arbeiten, hat mir selten etwas ausgemacht. Ich fand es sogar gut,
irgendwie “gegen den Strom zu schwimmen” und zu arbeiten, wenn andere
schlafen und umgekehrt – auch wenn sich die privaten sozialen Kontakte
dann größtenteils auf Kollegen beschränkten. Aber meine Gelenke sahen dies
nachhaltig anders.
Aber was macht Frauen an der Bar besonders? Nun, zunächst ihre
Anziehungskraft auf Männer, die die besseren “Kunden” sind, weil sie
meist stärker trinken und in Gruppen auftreten. Zudem sind Frauen
feinfühliger, sehen zum Teil besser als Männer, was der Gast möchte
oder wie er drauf ist, was er sich vom Abend verspricht. Drittens sind
Frauen kreativer. Bezogen auf Drinks und Garnituren ein Vorteil. Und
sie sind koordinierter, bekommen schneller Abläufe organisiert.
Nachteilig an Frauen ist, dass sie physisch einfach nicht für das
Kistenschleppen oder Fässerwechseln gemacht sind. Auch strahlen sie
nicht die gleiche Autorität aus, wie Männer. Eine Frau alleine eine
Bar schliessen zu lassen ist meist nicht unbedingt eine gute Idee.
Und wie sich mein Geschlecht auf meine karriere ausgewirkt?
Ich habe es nie als schwierig empfunden, als Bartenderin einen Job zu
bekommen. Die einzige Schwierigkeit ist, sich den Männern gegenüber
“zu beweisen” und als gleichwertige Kraft angesehen zu werden. Das
kann dauern bzw. klappt in manchen Fällen überhaupt nicht (Machos). Man muß
sichals Frau eine harte Schale zulegen und “seinen Mann stehen”. Der Job
kann ein Knochenjob sein, also Zähne zusammenbeissen beim geniessen!
Wir Frauen sind nicht besser als die Jungs. Wir sind nur anders als sie.