Die blinde Erleuchtung

…oder warum Blindtastings der einzig wahre Weg zur eigenen Meinung sind.

Wir sind alle Opfer, verblendete, verblödete, kleine Marketingopfer. Ihr braucht jetzt garnicht den Kopf schütteln, isso!

In einem Umfeld von Menschen, die gerne laut und ständig Ihre Meinung kundtun, auf Blogs, in Zeitschriften oder persönlich über’n Tresen, ist es nahezu unvermeidlich sich hin und wieder die ein oder andere Fremdmeinung anzuziehen. Ich selbst hab mich schon dabei erwischt, wie ich ein total überzeugtes Urteil über Produkt XY abgab, ohne es jemals selbst in den Fingern gehalten zu haben, einzig und allein auf der Basis der Meinung anderer.

Der Meyer lässt uns Elijah Craig gut finden, der Pannek sorgt dafür, dass wir Asbach kaufen, Goncalo erzählt uns vom großartigen Sipsmith und Gabanyi macht uns klar, dass Ardbeg richtig guten Whisky macht.

Und das sind jetzt noch nichtmal die bezahlten Meinungsbildner. Überlegt mal wie viel salonfähiger Bacardi Superior geworden ist, seit so ne coole Sau wie Steffen Lohr dafür die Werbetrommel rührt, welchen Imagegewinn Phil Duff Bols gebracht hat und wie der fantastische Herr Sudeck unser Bild von Tequila verändert hat.

Ohne dass wir es merken schleicht sich eine Art Kollektivmeinung in unser Hirn und verseucht uns mit Halbwissen und Vorurteilen – positiven wie negativen. Das einzige, was wir dagegen tun können, ist uns ab und zu selbst infrage zu stellen. Eben die Birne in regelmäßigen Abständen immer mal wieder so richtig aufmachen. Und das funktioniert eben nur wirklich, wenn wir es schaffen vollkommen unvoreingenommen an eine Spirituose ranzugehen und sie mit unseren Sinnen komplett neu zu entdecken.

Wie machen wir das? Ganz klar mit einem Blindtasting.

Wenn man das Glück hat ihn Berlin zu wohnen, ist das relativ einfach. Man findet sich einfach in regelmäßigen Abständen im Mixology Office ein und geht mit unschätzbaren Erkenntnissen wieder nach Hause. Auch in anderen großen Städten werden mittlerweile des öfteren von der  örtlichen Bartendervereinigung Tastings angeboten - wenn auch manchmal von der Industrie und nicht so wirklich blind. Hat man diese Möglichkeiten nicht, kann ich nur empfehlen immer mal wieder durch die bareigenen Spirituosen zu gehen und mit den Kollegen (vor allem auch denen im Service, denn die müssen den Stoff ja auch verkaufen) ein hausinternes  Miniblindtasting durchzuführen.  Ich verspreche euch erstaunliche Erkenntnisse.

A propos erstaunlich, erstaunlichen Mut hat gerade vor ein paar Tagen Sierra Tequila bewiesen. Es war geladen zu einem doppelten Blindtasting, d.h. nicht mal die Menschen, die das Tasting geleitet haben wußten, was im Glas ist (was ich mit absoluter Sicherheit sagen kann, da ich einer davon war). Außerdem wurden so namhafte Vertreter wie Corralejo, Patron und 1800 mit in den Ring geschickt – und das sowohl mit dem Milenario wie auch dem roten Hut, der für mich DAS Paradebeispiel für ein schlechtes Image ist. Und siehe da: erfahrene Barleute haben zum größten Teil den gewöhnlichen Sierra besser bewertet als den Patron.  Q.E.D.!

Ohne jetzt hier für Sierra Tequila eine Lanze brechen zu wollen, muß ich doch den Hut ziehen vor diesem mutigen Experiment, welches auch so richtig in die Hose hätte gehen können. Ich würde mir wünschen mehr Vertreter der Spirituosenindustrie würden sich sowas trauen anstatt uns mit sinnleerem Marketinggewäsch für dumm zu verkaufen. Nein, ich fang jetzt nicht schon wieder an zu wettern. Ganz im Gegenteil. Ein Kompliment will ich machen. Dem Sierra-Mann für sein Engagement, seine Ehrlichkeit und sein Vertrauen ins eigene Produkt.

So, genug geschleimt. Meine Rechnungsadresse haste ja Herr Sudeck..?

Dieser Beitrag wurde unter Grütze veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.