Zuerst möchte ich mich mal entschuldigen. Für all den Quatsch, den ich heute schreiben werde. Ihr mögt mir verzeihen, denn ich stehe unter Drogen, Schmerztabletten um genau zu sein, die ich meinem Zahnarzt zu verdanken habe. Dazu kommt eine gewisse Melancholie angesichts der Umzugskartons um mich herum und der Tatsache, daß der letzte Arbeitstag in der Marlene Bar bereits hinter mir liegt. Deshalb bevor ich loslege: Mea culpa!
Wer heute aus dem Fenster schaut (zumindest in Berlin), kann es umschwer erkennen: Der Herbst ist da, die Jahreszeit der Veränderung, des Umbruchs, aber auch der Vorbote der Erneuerung. Die Blätter färben sich kupfern und die Herbstsonne taucht sie in ein glorioses Gold vor einem strahlend blauen Himmel. Es liegt ein Zauber in der Luft, die plötzlich nicht mehr nach verbranntem Asphalt riecht, sondern nach feuchter Erde und Verwitterung. Das Licht, das durch die Bäume fällt hat etwas Magisches, wie zu keiner anderen Zeit im Jahr, etwas, das mich ganz kribbelig macht, den Nomaden in mir weckt und mir ein selten dümmliches, breites Grinsen ins Gesicht pflanzt.
Der Herbst ist auch die Zeit die Aperol Spritzes und Mojitos einzumotten und die Whiskies auszupacken, was mir ein noch breiteres Grinsen verschafft. Über Bourbon und Rye habe ich ja schon reichlich schwadroniert und ich denke es ist Zeit mich endlich mal meinem eigentlichen Schwerpunktthema zuzuwenden: den Single Malts.
Ja, ich habe sie vernachlässigt. Es gab so viel Neues zu lernen und zu erforschen die letzten Jahre, das meine erste große Liebe vollkommen in den Hintergrund gedrängt hat. Denn das waren die Single Malts. Das erste barbezogene Buch, das ich mir gekauft habe, war nämlich nicht von Charles Schumann, Franz Brandl oder Uwe Voigt. Es war Stefan Gabanyis Whisk(e)y Lexikon, gefolgt von einigen Michael Jacksons und Jim Murrays.
Aber nicht nur ich habe sie vernachlässigt, diese altehrwürdige Hohheit unter den Spirituosen. Sie ist zu einem ungeliebten Stiefkind der Barszene geworden, mit dem gerade junge Bartender so garnichts mehr anfangen können. Angestaubt und provinziell ist ihr Image, dabei haben wir ihr doch soviel zu verdanken. Als ich vor zehn Jahren angefangen habe hinter dem Tresen in einer Dorfgaststätte zu arbeiten waren Single Malts neben einigen Cognacs im größten Teil Deutschlands die einzigen verfügbaren Premiumspirituosen (im eigentlichen Sinne von Premium, nicht wie heute gebräuchlich) und haben bei den Konsumenten das Interesse für’s Purtrinken und für hochwertige Brände geweckt. Damals gab es keinen anständigen Rum und so gut wie keine trinkbaren Bourbons, von Rye und Tequila ganz zu schweigen. Wenn ich heute mit Barleuten rede, gerade denen, die erst in den letzten Jahren in die Barszene gestolpert sind, höre ich immer wieder “Single Malts sind nicht so mein Ding” oder “damit kenn ich mich nicht wirklich aus” und das macht mich traurig und auch ein wenig fassungslos. Jeder kann dir einen Vortrag über Tequila halten und das Rezept eines Clubland rezitieren, aber Single Malts? Fehlanzeige. Kommt es nur mir so vor, als würde hier jemand ein Buch schreiben wollen, ohne die Grundregeln der Grammatik zu beherrschen? Ok, daß das funktioniert wissen wir spätestens seit Bushidos Memoiren…
Aber ehrlich, wie kommt es, daß sich Bars in der Auswahl ihrer Gins (oder vor kurzem noch Wodkas) überschlagen aber andererseits keine fünf Minuten für die Auswahl ihrer Malts erübrigen und sich stattdessen die gesamte Classic Malts Serie, etwas Glenfiddich und am besten noch die komplette Glenmorangie Range ins Regal stellen?
Wie kann es sein, daß eigentlich tolle Bars in der Whiskysektion ihrer Barkarten haufenweise dumme Fehler machen? Da wandert ein Johnny Walker Green Label schonmal unter die Single Malts, ein Glenmorangie zu den Lowlands und Springbank ist plötzlich auf der Insel Skye zu finden…peinlich, peinlich sowas.
Was ich mir wünsche ist etwas mehr Respekt und Ehrfurcht vor dieser wundervollen Spirituose, die alle Menschen, die sich ernsthaft mit ihr auseinandersetzen zwangsläufig in ihren Bann zieht.
Sehr viele Gäste messen eine Bar nicht nur an ihrer Single Malt Auswahl, sondern auch an dem Fachwissen des Barpersonals darüber. Die Community der Whiskyconnaisseure ist riesig und strotzt nur so vor Klugscheißern, die nur darauf warten dem Jungchen hinterm Tresen die Welt zu erklären und ihn dann anschließend für seine Unwissenheit zu zerreissen.
Man muß ja nicht gleich nach Schottland fahren, aber sich mal ein gutes Buch zu kaufen und das ein oder andere Tasting zu besuchen ist glaube ich kein allzugroßes Opfer.
Und wer weiß, vielleicht findet ja der ein oder andere auch noch die große Liebe……

