27.06.2009
Warum ausgerechnet Wild Turkey? Der ist sowas von garnicht neu, daß man ihn schon seit Urzeiten in den Dorfkneipen von Hinterwaldsweiler und Co findet. Gibt’s denn nichts Spannenderes?
Was soll ich sagen, er war nicht meine erste Liebe und ganz sicher nicht die letzte, aber wie die Überschrift schon vermuten lässt, ist er ein ganz besonderer alter Freund, einer der bleibt und mit den Jahren kein bischen an Faszination verliert. Nichts zaubert mit derart schlafwandlerischer Sicherheit dieses 180°-Grinsen auf mein Gesicht wie ein Glas Wild Turkey unter meiner Nase.
Aber bevor ich mich total in Schwärmereien verliere, hier noch einige Fakten:
Die Marke, die heute Wild Turkey heißt (und mittlerweile zur Gruppo Campari gehört) geht zurück auf die Gründung einer Importfirma namens Austin Nichols im Jahre 1855, welche unter anderem auch mit Whiskey handelte.
1869 eröffnete die Familie Ripy die JTS Brown Destillerie in Lawrenceburg, Kentucky, welche Austin Nichols 1971 erwarb und in Wild Turkey umbenannte.

Den Namen Wild Turkey bekam der 8jährige 101 proof Bourbon allerdings schon in den 1940ern von dem Präsidenten des Unternehmens, Thomas McCarthy. Dieser hatte ihn zu einem Truthahnjagdtrip mit Freunden mitgenommen, welche ihn von da an aufforderten “some more of that wild turkey” mitzubringen.
Traditionell wird der 8jährige Standardbourbon (alias 101 proof) mit 50,5% Vol. abgefüllt und seine Maische besteht aus 75% Mais, 12% Roggen und 13% Gerstenmalz.
Wie die meisten Bourbons wird er zweifach destilliert, zuerst in der kontinuierlich arbeitenden Beerstill und dann nochmal im Doubler, welche bei Wild Turkey übrigens beide komplett aus Kupfer bestehen.

Anschließend reift er acht lange Jahre in neuen, getoasteten Fässern aus amerikanischer Weißeiche in den destillerieeigenen Lagerhäusern.

Soweit so gut, aber bisher hab ich euch noch nichts verraten, was ihr nicht sowieso schon wußtet oder auf jeder x-beliebigen Internetseite nachlesen könnt.
Was also macht ihn so besonders, daß ich ihm meinen ersten Blogeintrag widme?
Ersteinmal finde ich, dass er lange nicht (mehr) die Beachtung bekommt, die er verdient. Wild Turkey gibt es schon 1990 auf dem deutschen Markt, lange bevor hierzulande irgendjemand den Begriff Small Batch Bourbon zum ersten mal gehört hat. Und Small Batch ist er ja auch wirklich nicht. Er hat fast das Massenprodukt-Mainstream-Image eines Jim Beam oder Jack Daniel’s, aber die Qualität, den Charakter und den Preis eines Premiumproduktes. Eine schlechte Ausgangsposition wenn man bedenkt, dass in den Topbars dieses Landes jeder Platz im Rückbuffet hart umkämpft ist und jeder Barchef sehr darauf bedacht ist mit eben diesem zu glänzen. Man will sich in der Exklusivität der mühsam ausgegrabenen Kleinode gegenseitig übertreffen und wie uncool kommt da ein stinknormaler Wild Turkey neben dem George T Stagg?
Aber ich sag euch was: All ihr chicen Bars, steckt euch eure zahmen, netten, eleganten Maker’s Marks und Woodford Reserves sonstwohin (no offense)!! Ich will Muskeln, Dreitagebart und verschwitztes Wild-West-Feeling! Ich will Ecken und Kanten! Ich will Wild Turkey! Und wer jetzt nicht versteht wieso, hier eine Hausaufgabe: Man bereite einen Whiskey Sour mit dem jeweiligen Lieblingsbourbon und einen mit Wild Turkey zu und vergleiche (Herr Pannek, übernehmen Sie!).
Da sind sie schon wieder mit mir durchgegangen, die Emotionen! Aber was soll ich sagen… ich liebe, liebe, liebe diesen großartigen Stoff! (*und nein, ich werde nicht dafür bezahlt*)
Die fruchtige Roggenwürze, die wundervolle Vanillesüße, aber vor allem diese Wild Turkey typische Pfeffernote…hmmmm!
Ich glaub ich genehmige mir gleich mal ein Glas…
Vielleicht konnte ich ja den ein oder anderen überzeugen, genau das auch wiedermal zu tun!
Und das war das Wort zum Dienstag.
